Kaum ein zweites Thema beschäftigt Bürger und Politik in Deutschland so sehr wie die Migration. Eine einfache Lösung ist nicht in Sicht. Aber wie haben eigentlich Deutsche, die einst innerhalb Europas ausgewandert sind, ihr Leben in fremder Umgebung gemeistert, trotz mancher Anfeindungen und Abhängigkeiten? Die CDU-Mittelstandsunion hatte deshalb ihre traditionelle Jahresexkursion diesmal auf Siebenbürgen in Rumänien ausgerichtet. Ein Wunsch, der schon seit der Reise nach Bukarest 2010 bestand. Wie immer mit einem eng gestrickten Programm, bestehend aus Einblicken in Wirtschaftsunternehmen, Gesprächen mit führenden Politikern und Einblicken in Historie und Kultur.

Das Werk der baden-württembergischen Firma Marquardt Schaltsysteme S.C.S. in Hermannstadt (Sibiu) besteht dort seit 2004.
Geschäftsführer Mourad Halilou ist mit seinem Unternehmen am Puls der Zeit: Ein Schwerpunkt ist Produktentwicklung, auch für andere Werke, wie Hella und Phoenix Contact und namhafte Autohersteller. Seine Vision: „Den mechanischen Auto-Notschlüssel wird es in naher Zukunft nicht mehr geben. Wir stecken die Zukunft auf Ihre Fingerspitzen!“ Vieles ist automatisiert. Auf 500 Quadratmetern überwachen in einer der Hallen nur zwei menschliche Mitarbeiter ein Heer von Robotern. So wird 24 Stunden am Tag in drei Schichten gearbeitet – normalerweise fünf Tage die Woche, bei Bedarf auch sieben. Flexibel eben. Und im Stillen, denn aus Sorge vor Industriespionage galt während der gesamten Betriebsbesichtigung striktes Fotografierverbot.

Beim Briefing mit Konsulin Kerstin Ursula Jahn am Folgetag gestand diese: „Für mich selbst war es eine große Überraschung und Freude, dass man sich in Hermannstadt und Siebenbürgen überall sehr gut auf Deutsch unterhalten kann.“ In dem kleinen Konsulat waren die Paderborner die größte Gruppe, die je empfangen wurde – aus Platzgründen im Garten.

In den wild-romantischen Karpaten, einem Urwald, soll künftig der größte Nationalpark Europas entstehen, ein richtiger Urwald. Eine inhaltliche Parallele zum heftig umstrittenen Nationalparkprojekt in der heimischen Egge wollte angesichts solcher Größenunterschiede aber niemand ziehen.

2024 ist ein Superwahljahr in Rumänien mit Europawahl, Kommunalwahl, Präsidentenwahl und Parlamentswahl. Zurzeit gibt es hier eine Koalition aus sozialistischer und liberaler Partei. Staatspräsident Johannis gehört der deutschen Minderheit an, kann aber nach zwei Perioden nicht wiedergewählt werden. Die Deutschen sind die viertgrößte Minderheit – im Herzen von Rumänien, mitten in Europa. Bedingt durch den Krieg in der Ukraine gibt es jetzt ein stärkeres militärisches Engagement der Nato und der EU in Rumänien.

Oberbürgermeisterin Astrid Fodor aus Hermannstadt gehört zu den Siebenbürger Sachsen, sie nahm sich viel Zeit für die Mittelständler, obwohl die Kommunalwahl ansteht, wo sie für eine dritte Amtszeit kandidiert. Ihre Hauptsorge: „Der Arbeitskräftemangel und der Kampf gegen die Bürokratie.“ Alles gehe in Rumänien sehr langsam, es gebe wenig lokale Autonomie und man müsse oft sehr lange auf Entscheidungen von oben warten. Der Arbeitskräftemangel, auch durch Abwanderung, zeige sich vor allem im Bauwesen und in der Gastronomie. Hermannstadt war 2007 zusammen mit Luxemburg Kulturhauptstadt Europas. „Das“, so Astrid Fodor, „hat diese Stadt nach vorne gebracht.

Benjamin Jozsa, Geschäftsführer des Landesforums des DFDR (Demokratisches Forum der Deutschen in Rumänien), und Winfried Ziegler, Geschäftsführer des Siebenbürgenforums, betonten im Gespräch, dass die deutschen Schulen ein hohes Ansehen genießen. „In rumänischen Familien wird gezielt deutsch gesprochen, um den Kindern die Aufnahme an einer deutschen Schule zu ermöglichen.“ Und: „Die deutschen Trachten- und Volkstanztraditionen werden häufig auch von nicht Deutschstämmigen freudig fortgeführt.“ Der Krieg in der Ukraine werde trotz der räumlichen Nähe nicht als so bedrohlich wahrgenommen, wohl auch, weil es keine nennenswerte russische Minderheit in der Bevölkerung gibt.

Neben den vielen Gesprächen, darunter auch mit Rektor Prof. Leonard Azamfirei von der führenden medizinischen Universität Targu Mures, hat die Paderborner Gruppe auch zahlreiche touristische Eindrücke mitgenommen: beeindruckende Bauwerke aus vielen Baustilepochen, zum Teil bereits sehr gut, auch mit EU-Mitteln, saniert. In den Städten sehr große, belebte Plätze im Zentrum und weite, grüne Landschaft umgeben vom Karpaten-Gebirge, darin die typischen Kirchenburgen.

Einer der Höhepunkte: das Draculaschloss Bran, eine sehr alte Burg, wegen des Bezuges zu Dracula mit entsprechender Ausstattung heute stark vermarktet.

Die Geschichte der deutschstämmigen Minderheit in Rumänien ist jahrhundertelang geprägt durch Kriege und Machtwechsel. Die Menschen waren dabei immer wieder Zankapfel zwischen Königen und Fürsten aus Ungarn und Österreich, aber auch den anstürmenden Osmanen. Es ist aber ist aber auch eine Erfolgsgeschichte von Anpassung der deutschen Migranten an ihre Nachbarn, ihres Willens der Assimilierung und ihres Durchhaltevermögens unter Beibehaltung ihrer eigenen kulturellen Eigenheiten und Werte. Bis heute – und das seit dem Beginn der ersten Besiedlungswelle anno 1147 aus dem Mittelrhein- und Moselgebiet, Flandern und der Wallonie, später auch aus Schwaben.